Lust auf mehr Georgien

Nach der Nachtstrecke durch die Berge am Abend zuvor war die Fahrt an der türkischen Schwarzmeerküste entlang die reinste Erholung – gut ausgebaut, aber mit viel Verkehr, der in der Türkei jedoch überraschend gesittet verläuft. Warum man eine Schnellstraße in regelmäßigen Abständen mit Zebrastreifen versieht, deren dazugehörige Tempolimitierung eh niemanden juckt, bleibt ein Geheimnis. Ebenso ungeklärt bleibt die Frage, weshalb man Haselnüsse bevorzugt an Schnellstraßen und sogar auf deren Mittelstreifen zum Trocknen ausbreitet.

Der Grenzübertritt nach Georgien verlief recht geschmeidig. Hoppel musste aussteigen und durch ein Passkontrollenlabyrinth laufen, derweil ich auf türkischer Seite einen tiefen Blick in Don Vito gewähren musste. Größeres Auspacken blieb mir aber erspart. Die georgischen Zöllner waren entspannt, lobten unseren kleinen Ausflug als „cool hobby“ und winkten mich durch. Hoppel brauchte 15 Minuten länger.

Die Grenzstadt Batumi empfing uns – es war schon dunkel, hier ist es um 19 Uhr bereits stockfinster – mit viel greller Leuchtreklame als kleines Las Vegas. Hier die glitzernde Schwarzmeermetropole mit Bauboom, dort Menschen in Wellblechhüten und ausrangierten Miliär-Lkw: Ein krasser Kontrast bot sich uns, obwohl wir nur kurz auf der Durchfahrt waren. Denn auf Empfehlung der Laserkatzen suchten wir den Botanischen Garten auf. Ja, dort darf man in Batumi für grade mal 5 Euro campieren.

Irgendwo sind wir wohl falsch abgebogen, denn die Straße wurde zum Feldweg und schließlich zur Piste. Da uns aber zwei Taxis entgegen kamen, wähnten wir uns richtig – bis sich der Passat des Teams Hatobar, unserer treuen Begleiter, in grobem Kies festfuhr. Eine ideale Trainingseinheit für den Pamir-Pass! Don Vitos Unterbodenschutz bestand seine Bewährungsprobe mit Bravour.

Letztlich fanden wir den Botanischen Garten dann doch noch und verbrachten nach einem Umtrunk mit den Laserkatzen eine entspannte Nacht. Wir beschlossen, am nächsten Tag gemeinsam bis zur russischen Grenze durchzufahren und kurz davor zu campieren, um am Morgen drauf frühzeitig dort zu sein. Denn bis Astrachan wollten wir es nach Möglichkeit in einem Rutsch schaffen. Mit Tschetschenien und Dagestan passieren wir Gebiete, in denen es unter Umständen ungemütlich werden kann, weil sich die Einwohner nicht recht leiden können.

Nach ein paar Kilometern an einer badetouristisch bestens erschlossenen Schwarzmeerküste biegen wir ins Landesinnere Richtung Tiflis ab. Eine etwas monotone Ebene entwickelt sich bald zu einer satt grünen, dicht bewaldeten Gebirgsregion mit tiefen Schluchten, die alsbald in trockenes, hügeliges Hochland übergeht – großes Landschaftskino von US-Westküsten-Format. Teilweise geht es auf bestens ausgebauten Autobahnen mit Tempo 110 zügig voran. Aber auch die älteren Straßen sind in Georgien im Vergleich zu dem, was wir seit Rumänien gewohnt sind, recht ordentlich.

Gesäumt sind die Straßen, was dem Begriff „Handelsstraße“ eine völlig neue Dimension verleiht, von unzähligen Verkaufsständen, an denen von Obst über Honig bis hin zu Fellmützen und Schaukelstühlen alles Mögliche feilgeboten wird. Schreiner, Töpfer und Korbflechter reihen sich ein. Ständig bimmelt die Motivglocke, aber für Fotostopps haben wir leider keine Zeit. Wir haben schließlich eine Mission…

Unbehelligt bleiben wir von der Polizei, die in Georgien erstaunlich häufig zu sehen ist – in der Türkei war die Gendarmen-Dichte wesentlich geringer. Dort stellt man oft und gerne Polizeiauto-Atrappen an die Straße. In Georgien dagegen sind die Cops echt. Sie wirken, als hätten sie zuviel amerikanische Krimiserien geschaut. Mit Rammbügeln aufgepimpte Fords im Highway-Patrol-Look, dazu die entsprechende Uniform – georgische Cops wären ideale Statisten für neue „Cannonball“-Folgen. Die Omnipräsenz mag gute Gründe haben: georgische Kraftfahrer neigen zum Draufgängertum und legen die Verkehrsregeln eher großzügig aus.
Was sonst noch auffällt an den Straßen: Unzählige Kühe säumen den Weg und trotten ungeniert über die Fahrbahn. Und auch anderes Nutzgetier wie Schwein und Ziege genießt offenbar die Freilandhaltung on the road.

Kurz vor Tiflis schwenken wir gen Norden ab in Richtung des einzigen für westliche Touristen geöffneten Grenzübergangs nach Russland – vorbei am Krisengebiet Süd-Ossetien, das wir tunlichst meiden. Wir kehren ein, tafeln köstlich und zu lächerlichen Preisen (keine achte Euro pro Nase mit allem Drum und Dran).
Beim Aufbruch dann eine böse Überraschung: Plattfuß vorne links. Die Radbolzen gewinnen gegen das Radmutternkreuz klar in der Hartnäckigkeitsdisziplin. Das Radkreuz schert ab (wo rohe Kräfte sinnlos walten…), die Bolzen sitzen bombenfest. Wir improvisieren und bekommen das Rad schließlich runter. Reichlich Ersatzräder haben wir ja dabei.

Durch ein atemberaubend schönes Tal windet sich die Strecke hinauf bis weit über die Baumgrenze, auf 2200 Meter. Früh waren wir noch am Meer! Wer hätte gedacht, dass Georgien über ein veritables Skigebiet verfügt? Die karge Hochgebirgslandschaft begeistert uns. Da der angesteuerte Campingplatz nicht existiert, schlagen wir mit Team Hatobar unser Quartier in der Pampa unter klarem Sternenhimmel bei frischen 12 Grad auf – die Laserkatzen sind lieber ins Hotel.

Was wir von Georgien gesehen haben (leider viel zu wenig, aber das ist nun mal Ralleyfahrerschicksal) macht Lust auf mehr – auf viel mehr. Garantiert ein lohnendes Urlaubsziel! Und im Vergleich zur Türkei wesentlich sauberer – die Georgier scheinen ein deutlich ausgeprägteres Müllbewusstsein zu haben. Und den freundlicheren Präsidenten haben sie auch 😉

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