Die Faszination des Nichts

Nichts. Weit und breit: nichts. Soweit das Auge reicht. Die Straße liegt vor uns wie mit dem Lineal bis zum Horizont gezogen. Links und rechts davon: Nichts. Außer Steppe. Oder Stoppelfeldern. Monokulturen bis zum Horizont. Strommasten. Sonst nichts. Ab und zu ein Bushäuschen und ein Zebrastreifen. Für wen? Hier ist doch niemand! Hier ist: nichts.
Die beinahe ewigen Weiten Russlands, zumal in der Provinz mit dem schönen Namen Kalmückien, sind eintönig und faszinierend zugleich. Selbst wer stundenlanges Fahren durch die wüsten Weiten Kaliforniens, Arizonas, Nevadas oder Utahs gewohnt ist, wird hier demütig ob der schieren Endlosigkeit der Landschaft. Der Punktsieg im Vergleich mit der US-Westküste geht hier ganz eindeutig an Russland und Kasachstan. Viel mehr Gegend. Viel mehr Nichts.

Und viel mehr Schlaglöcher. Was heißt hier: Schlaglöcher? Das sind Schlagkrater, das sind wahre Abgründe, die sich hier in den Straßen auftun. Seit heute sind wir nicht mehr auf einem Ausflug gen Südosten. Seit heute fahren wir Rallye. Zumindest, wenn man Rallye definiert als materialmordendes Fahren im Grenzbereich von Mensch und Maschine. Und nein, ich übertreibe nicht. Was Kasachstan als Straßen bezeichnet, sind über weite Strecken rudimentäre Überbleibsel einstmals asphaltierter Wege Wir fahren im wahrsten Sinne des Wortes Slalom – und das nicht etwa auf Nebenstrecken, sondern auf wichtigen Hauptverkehrsachsen, auf denen allerhand los ist. Völlig abrupt tun sich bis zu 30 cm hohe Teerverwerfungen oder gewaltige Kanten und Untiefen in der Fahrbahn auf – mörderisch für Fahrwerk und Reifen, tödlich für ungeschützte Ölwannen. Dass Don Vito diese extremen Belastungen bis dato völlig klaglos wegsteckt, grenzt für mich an ein Wunder. Wie lange kann ein Auto solche Strapazen ertragen? Dass wir die Alufelgen zuhause gelassen haben, war eine gute Idee: Sie wären längst achteckig. Dass wir auf Radzierblenden verzichtet haben, war klug: Sie wären uns längst davongeflogen. Dass wir einen massiven Unterfahrschutz montiert haben, war ein Riesenglück: Er hat schon allerlei schwere Schläge hinnehmen müssen.

Nicht das kilometerlange Geradeausfahren durch (von gelegentlichen Kuh-, Pferd- oder Kamelherden abgesehen) relativ reizarme Landschaft ermüdet den Fahrer, sondern die ständige 120-Prozent-Konzentration auf Straße und Verkehr. Nicht immer kann man schließlich ausweichen – die Kollission mit einem anderen Fahrzeug würde die Rettung der eigenen Vorderachse durchaus zunichte machen. Entsprechend häufig wechseln wir uns am Steuer ab. Der Beifahrer fällt in der Regel sofort nach dem Tausch in einen tiefen Schlaf, und das, obwohl die Booze Brothers derzeit geschüttelt werden, nicht gerührt. Wir hatten ja durchaus mit miesen Straßenverhältnisssen gerechnet. Aber das übersteigt alles, was man sich als verwöhnter Europäer ausmalen kann. Die Komfortzone – sie liegt jetzt endgültig hinter uns. Dabei hatten wir das bereits in Rumänien gedacht…

Rückblende: Das Ziel Astrachan haben wir nicht wie geplant an einem Tag erreicht, obwohl die Grenzformalitäten bei der Einreise nach Russland recht geschmeidig und ohne größeren Verdruss verliefen – nur mit viel Papierkram, der auf Kyrillisch nicht ganz einfach zu bewältigen ist. Englischsprachige Formulare gibt es zwar, aber die werden nicht ausgegeben, sondern hängen nur als Ausfüllhilfe in einem Schaukasten… Ohnehin machen einem die Russen (im Gegensatz zu ihren Nachbarn) die Orientierung sehr schwer, denn auf zweisprachige Hinweisschilder mit Übersetzung in lateinische Schrift verzichten sie weitestgehend. Also: heiteres Buchstabenraten und -vergleichen.

Nach einer Bortsch-Suppe am Wegesrand (zwei Euro incl. Kaffee) nehmen wir Fahrt auf Richtung Elista, unserem Alternativ-Etappenziel. Durch dröge, graue, weitgehend menschenleer wirkende Dörfer und durch nicht minder trostlose Städte führt die Fahrt hinaus ins weite Land. Irgendwie wirkt dieses Land auf uns bedrückend. Ständige Polizeipräsenz und vereinzelte Kontrollen, die allerdings völlig konzeptlos und willkürlich wirken, tragen ihren Teil dazu bei. Irgendwie spürt man: In diesem Zeil des einstigen Zarenreiches stimmt etwas nicht.
Elista erreichen wir erst bei Nacht. Das gleichnamige Hotel, ein siebenstöckiger Bunker aus Sowjetzeiten, hat seine besten und auch seine guten Zeiten längst hinter sich. Die Zimmer sind schäbig und heruntergekommen, aber halbwegs sauber und ihren marginalen Preis wert. Die Aufgabe der Etagendame, die uns Schlüssel und WLAN-Passwort aushändigt, erschließt sich uns nicht zur Gänze.
Ein kleiner Abendspaziergang im Viertel hinterlässt den Eindruck, wir seien in Chinatown. Doch ganz Elista scheint eine Art asiatische Enklave zu sein – die Menschen haben hier überwiegend schon eine mongolische Anmutung.
Frühstück gibt es am nächsten Tag, weil sämtliche Cafés der 100.000-Einwohner-Stadt geschlossen zu haben scheinen, außerhalb an einem Fernfahrer-Treffpunkt an der Straße. Ein aserbaidschanisches Ehepaar kredenzt uns gefüllte Tomaten und Paprika sowie gekochte, ebenfalls gefüllte Teigbeutel, wie wir sie bereits in Georgien genossen hatten. Zum Abschied gibt es Tee und kandierte Früchte auf Kosten des Hauses für die neun Rallye-Fahrer, die nun wissen: Das berüchtigte Stehklo gibt es auch in der Subspezies „Plumps“.
Die Fahrt nach Astrachan und zur Grenze zieht sich, obwohl die Straßen passabel sind. Erneut haben wir Glück beim Zoll: Nach kurzen Blicken ins chaotische Innere von Don Vito verzichten die Beamten kopfschüttelnd auf eine genauere Inspektion. Wir lachen und scherzen, sie wundern sich offensichtlich über die beiden Verrückten aus einem ihnen unbekannten Teil der Welt, die ausgerechnet nach Tadschikistan (!) wollen. Eine Zigarettenspende mag die Stimmung zusätzlich entspannt haben… Nach rund eineinhalb Stunden sind wir in Kasachstan – der Schlagloch-Hölle auf Erden.

Weit kommen wir nicht mehr an diesem Tag. Bei Dunkelheit ist das Fahren auf derart unwegsamen Strecken nicht nur riskant für das Auto, sondern lebensgefährlich für alle Beteiligten. Wenige Kilometer hinter der Grenze biegen wir in einen Feldweg ab und schlagen unser Nachtlager auf; die Laserkatzen stoßen später noch dazu. Ein bombastischer Sternenhimmel ist unser Dach überḿ Kopf.
Am nächsten Morgen stellen wir, weil Kühe durch unsere kleine Wagenburg marschieren, fest: Wir haben mitten auf einer Kuhweide genächtigt, nur einen Steinwurf von einem der hier sehr häufig anzutreffenden Friedhöfe entfernt. Als wir aufbrechen, kommen zwei Bauern in einem Lkw daher und interessieren sich für unsere Reise. Sie schenken uns Wassermelonen und Gurken und schleppen kurzerhand Don Vito an, der schon zum dritten Mal früh den Start verweigert – so tapfer er die Fahrt meistert, aber er entwickelt Morgenmuffel-Allüren. Ein merkwürdiges Phänomen: Obwohl die Batterie gut ist und der Anlasser funktioniert, passiert beim ersten Statversuch früh: nichts. Alle Kontrollämpchen sind an, sie verdunkeln auch nicht beim Startversuch, kein Magnetschalter klackt – einfach: nichts. Überbrücken hilft nichts, Anschleppen funktioniert problemlos – und für den Rest des Tages springt er tadellos an. Wie sollst Du solch ein Symptom einem Mechaniker erklären, der Deine Sprache nicht spricht? Wir schieben den Versuch, dies zu tun, einstweilen noch auf. Und vermuten, dass es sich um einen feuchtigkeitsempfindlichen Wackler handelt.

Was sagt die versammelte Schwarmintelligenz dazu?

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