Kasachstan-USA: 2:0

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Neugierig sind sie ja schon, die Menschen hier – oder sagen wir: aufgeschlossen. Kein Wunder in dieser von sich aus eher reizarmen Gegend. Allzu oft verirren sich wohl keine Europäer in die hintersten Winkel Kasachstans. Wo auch immer wir parken, werden wir flugs umringt von Einheimischen, die sichtbar beeindruckt sind, wenn wir ihnen erklären, woher wir kommen. Wenn wir ihnen dann anhand der Karte auf der Motorhaube von Don Vito erklären, wo wir hin wollen, schütteln sie meist nur ungläubig den Kopf – oder lachen herzhaft.

Über 8000 km stehen inzwischen auf unserer Rallye-Uhr, das Gros der Strecke liegt somit hinter uns. Die über 2000 km kasachischer Steppe und Wüste waren, trotz aller Monotonie, eine spektakuläre Erfahrung. Wir haben gewaltige Steppenbrände gesehen, deren Rauch die Sonne trübte. Wir haben miterlebt, wie sich die brettflache Landschaft stetig verändert – von kargem Weideland zu nackter Sand- und Geröllwüste bis hin zu von Bächen durchzogenen Gegenden, in denen Ackerbau betrieben wird – bis hin zu Baumwollplantagen.

Die sind es wohl auch, die dem Aralsee das Wasser abgegraben haben. Das Städtchen Aral ist nur noch ein Schatten seiner selbst. Einst eine lebendige Hafenstadt, ist der See jetzt Dutzende Kilometer entfernt und nur auf Schotterpisten mühsam zu erreichen. Ein Fischereimuseum gibt es noch in dieser staubigen Ödnis, in der flackernde Leuchtreklamen versuchen, ein klein wenig vom Elend abzulenken. Eine Hochzeitsgesellschaft mit hupendem Autokorso hinter einer gigantischen Hummer-Stretchlimousine setzt dem bizarren Bild die Krone auf. (Nicht nur die Wüsten sind hier weiter als in den USA . Auch die Protzkarren sind länger. Es steht 2:0.)
Ansonsten hat Aral nichts zu bieten – nicht einmal mehr ein Hotel, weshalb wir noch in derselben Nacht weiter bis Baikonur fahren.

Von der Straße aus, die jetzt überraschend gut ausgebaut ist, wird man einiger Anlagen gewahr, die eindeutig mit der Raumfahrt zu tun haben. Ins Cosmodrom selbst kommt man nur  nach aufwändigem, teurem Registrationsprozess. Dass die Russen auf dem bis 2050 von Kasachstan gepachteten Gelände ein funktionierendes Weltraumprogramm absolvieren, erfüllt uns mit Staunen. Denn nichts, was wir seit Georgien gesehen haben, deutet darauf hin, dass in diesen Breiten ein solches High-Tech-Unterfangen möglich ist. Hier, wo Improvisation mit Technik von vorgestern omnipräsent ist.

Ein wenig Kultur gönnen wir uns nach tagelangem Kilometerfressen. In Turkistan steht Kasachstans größtes Mausoleum, ein Monument von nationaler Bedeutung. Ein imposanter Backsteinbau, innen eher schlicht, aber außen mit farbenprächtigen Kacheln verziert, die in der Abendsonne glänzen. Davor tummeln sich wohlhabende Hochzeitsgesellschaften mit aufgebretzelten Gästen – die Gruppenbilder schießt der Fotograf mit einer Drohne. Wieder so ein brachialer Kontrast zu den Schafhirten auf Eseln, die uns eben noch in der Steppe begegnet sind.

Am Abend empfängt uns Schymkent mit kitschigen LED-Orchideen an den Straßenlaternen der kilometerlangen Einfallstraßen. Gigantische, grell illuminierte Ballsäle flankieren die Promenaden – der Kasache heiratet gern mit Glanz und Gloria. Einkaufszentren, Leuchtreklame, Verkehrschaos: Die Stadt unterscheidet sich wenig von anderen. Wir steuern zielstrebig die örtliche Mercedes-Werkstatt an, wo wir – gut bewachtet von einem beflissenen Tankstellen-Securitymann – eine ruhige Nacht verbringen. Tags darauf bekommt Don Vito den Anlasser repariert – es war wohl der Magnetschalter, denn Strom an Klemme 50 lag an (für die geneigte fachkundige Leserschaft). Doch mit der – auf den ersten Blick erfolgreichen – Reparatur sollte unsere Zeit in dieser Werkstatt noch nicht vorbei sein…

 

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