Feuriges Intermezzo

Don Vito dem Feuertod knapp entgangen, und die Booze Brothers in der Hotelsuite in Brokat-Ambiente: In Shymkent überschlagen sich die Ereignisse. Und uns drängt sich die Frage auf: Sind wir eigentlich noch im richtigen Film?

Am frühen Nachmittag hat die Mercedes-Werkstatt ihre Arbeit an Don Vitos Anlasser mit kasachischer Unaufgeregtheit beendet. Wir verteilen noch eine Runde Käppies an die sehr jungen Mechaniker und verabschieden uns frohgemut, zumal die Anlasser-Reparatur (von wegen Tausch!) kaum 40 Euro kostet: 2000 Tenge für die Diagnose und je 6000 Tenge für Aus- und Einbau sowie Reparatur des Magnetschalters. 14.000 Tenge für gut und gerne vier Stunden Arbeit… (1 Euro = knapp 400 Tenge).

Um unserer Meldepflicht gerecht zu werden, steuern wir die örtliche Migrationspolizeistation an, wo man uns allerdings erklärt, dass eine Registrierung bis 30 Tage in Kasachstan nicht mehr nötig sei. Also zurück zum Auto – und das ist unser Glück. Denn da gokelt es sicht- und riechbar aus dem Motorraum. Deckel auf – Flammen züngeln. Zum Glück lassen sie sich noch ausblasen – etwas später, und der gesamte Motorraum stünde in Flammen. Das wäre das Finale gewesen. Welch ein Schock am frühen Abend!

Nun gilt es, so schnell wie möglich in die Werkstatt zurückzukommen, die hoffentlich nicht pünktlich schließt. Die Batterie im Vito abgeklemmt, um weitere Unbill zu verhindern, und mit dem Taxi zurück zum Mercedes-Center – mit leeren Handy-Akkus gar kein leichtes Unterfangen, einem nur kasachisch sprechenden Taxifahrer das Ziel zu erklären.

In der Werkstatt herrscht zum Glück noch reger Betrieb. Der Chef arrangiert einen Abschleppwagen und lässt uns zu unserem Auto chauffieren. Ein Benz-Methusalem nimmt Don Vito huckepack – eigentlich ist er eine Nummer zu groß für den Laster. Wie auf rohen Eiern bugsiert der Fahrer die wertvolle Fracht in die Werkstatt, wo sich die Reihen inzwischen gelichtet haben und die Putzfrau unbeirrt vom Abladevorgang mit dem Wischmopp ihre Runden zieht.

Die Frage, ob unser gutes Stück repariert werden kann, bleibt zunächst offen. Die sich daraus concludent ergebende Frage nach einem Hotel wird beantwortet, indem man eine Gruppe junger Leute mit der Aufgabe betraut, uns zu einem erschwinglichen Nachtquartier zu bringen. Der stolze Besitzer eines Sechszylinder Audi A6 zeigt uns, mit welcher Vehemenz sich der testosteronstrotzende Jungkasache ins Verkehrsgeschehen zu stürzen vermag, und expediert uns unter unzähligen Regelverstößen in ein gediegen wirkendes Hotel am Bahnhof (wenn das mal kein böses Omen ist 😉).

An der Rezeption die nächste Überraschung. 9000 Tenge werden aufgerufen, etwa 23 Euro. Karten aber will man nicht akzeptieren, und wir haben kaum noch Kasachen-cash. Wieviel wir denn hätten? Naja, 6000 Tenge. O.k., dann kostet die Nacht für zwei eben 6000 statt 9000 Tenge, also rund 15 Euro. Soll uns Recht sein. Papierkram gibt es keinen, was uns einiges erklärt…

Die finale Überraschung dann das „Zimmer“: Drei Zimmer mit Bad, die hotelgewordene Geschmacklosigkeit im Nobelstil vergangener Epochen. Und eine Dusche! Man glaubt es kaum, wie sehr man sich darauf freuen kann. Und das beileibe nicht nur aufgrund des feurigen Intermezzos…

Tajik (1330)

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