Das Ausräumkommando

Tajik (1498)

Geschlagene drei Stunden stehen wir jetzt schon vor dem aufwändig verzierten Schmiedeeisentor, das sporadisch, im Halbstundentakt, geöffnet wird für einzelne Fahrzeuge – aber nicht für uns. Der Information Glauben schenkend, dass die kasachisch-usbekische Grenzstation bei Tashkent um 6 Uhr öffne, hatten wir unweit der Grenze campiert und uns beizeiten in die Schlange eingereiht. Doch obwohl wir fast die pole position innehaben, scheint uns das nicht zu helfen.

Immerhin bringen sie allmählich Personal herbei. Doch die uniformierten Herrschaften müssen vermutlich erstmal Tee trinken. Nach zermürbenden vier Stunden sind wir endlich an der Reihe. Hoppel muss wieder zu Fuß gehen, ich bleibe beim Auto. Auf kasachischer Seite eine gründliche Inspektion mit Drogenspürhunden, dann geht es weiter zu den Usbeken. Warten. Passkontrolle. Warten. Zollkontrolle. Papierkram. Und dann tun sie es tatsächlich: Sie lassen mich das Auto komplett ausräumen.

Als wir bei der Abreise jeden Winkel von Don Vito mit Sachspenden vollgestopft haben, sagte ich: „Wenn wir das an einer Grenze auspacken müssen, dann gute Nacht.“ Nun ist es soweit… Aber was heißt wir? Ich! Hoppel steht ja in der Fußgängerschlange… Nur einer sehr netten, jungen Zöllnerin, die gut Engisch spricht, ist es zu verdanken, dass ich ruhig und freundlich bleibe. Ihr ist das Procedere unangenehm, „but we have to do this, there are cameras“, flüstert sie mir zu.

Der Defi, die Medikamente – alles uninteressant. Nach Feuerwaffen suchen sie, in jedem Winkel. Selbst auf’s Dach von Don Vito klettert ein Grenzer. Unser Gepäck und der Subwoofer werden geröntgt. Ergebnis: negativ. Ein Glück, dass die Smith&Wesson zuhause blieb. Jetzt muss ich sehen, wie ich all den Krempel wieder verstaue…

Nach dreistündiger Prozedur heißt es „welcome to Uzbekistan“. Die obligatorische Kfz-Haftpflicht ist für 15 Dollar schnell abgeschlossen, ein paar Burschen in einem Container wickeln den Deal per Telefon ab. Geld zu bekommen, erweist sich als schwieriger – eine Bank, die Dollar wechselt, finden wir erst im dritten Anlauf. Zwischendurch hilft uns eine junge Mutter aus, indem sie sich bereit erklärt, unsere Zeche in einem Café in Som (so heißt die Währung) zu bezahlen und dafür Dollar zu nehmen, zum offiziellen Kurs von 1:8000. Ein Beispiel für die Hilfsbereitschaft der Usbeken. Wer geht bei uns auf durstig dreinblickende Wildfremde zu und fragt, ob sie Hilfe brauchen?

Auf Tashkents Straßen geht es munter zu. Auf Markierungen verzichtet man geflissentlich, denn die Zahl der Fahrspuren richtet sich nach Fragen des Bedarfs, der Situation und der Dreistigkeit des Fahrers. Ich liebe diesen anarchischen Fahrstil, auch wenn er ständige Konzentration erfordert. Don Vito ist in diesem Gewusel aus Kleinstwägen vom Schlage Kia oder Daewoo ein Fels in der Brandung.

Mehr noch als die Kasachen begegnen uns die Usbeken mit großer Neugier und Herzlichkeit. Man hupt und winkt beim Anblick unseres Autos, und wo auch immer wir stoppen, werden wir sofort in Gespräche verwickelt.

„Welcome to Usbekistan“: So begrüßt uns auch der Uniformierte an einem der zahllosen Checkpoints, bevor er unsere Ausweisdaten in eine Tabelle in einem Schulheft einträgt. Wozu er das tut, wird sein Geheimnis bleiben. Nicht alles, was in diesem Winkel der Welt geschieht, kann man durch die Brille des Westeuropäers begreifen.

Beim Abendessen in einem Restaurant in Kokand (8 Euro insgesamt) wird die gesamte Mannschaft samt Köchen zusammengetrommelt, um einen Pool an Englischvokabeln aufzubieten. Nach der heiteren Bestellrunde auf Babylonisch werden wir köstlich verpflegt – und das  bestellte Bier wird mit dem Taxi gebracht; es war die Mühe leider nicht wert. Nun folgt ein Blick auf den Sultanspalast in Kokand, dann brechen wir auf nach Osh, die Grenzstadt in Kirgistan. Mal wieder eine Grenze überqueren…

bub bär

 

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